Die Primel. Eine Geschichte vom Wachsen.

Alles Liebe zum Muttertag!

Ich wünsche auf diesem Wege allen Müttern alles Liebe - egal ob Muttersein von Menschenkindern oder anderen eigenen "Babies", die das Licht dieser wundervollen Welt erblickt haben!

 

Folgende Geschichte erzählte ich 1994 einer Freundin als Gute-Nacht-Geschichte - bei einem Supervisions-Wochenende der studentischen Telefonseelsorge. 

 

Zum Schluss gibt es noch einen musikalischen Happen mit Augenzwinkern: Feiert Euch einfach mal für jede vermeintliche Kleinigkeit!


Die Primel.

 

Es war einmal eine kleine Primel. Sie lebte inmitten eines prachtvollen Primelfeldes.

 

Jeden Morgen reckte sie ihren Hals, öffnete ihre Blüten und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne. Sie unterhielt sich mit den anderen Primeln und war oft traurig, dass sie nicht in den angrenzenden Garten gucken konnte. Eine Mauer versperrte den Blick. Oft hörte sie Geräusche von nebenan, die sie nicht verstand. „Was ist das bloß, was da so platscht, als wenn 1000 Regentropfen auf einmal auf meine Blütenblätter treffen würden?!“, fragte sie oft, aber keine Primel wusste es.

 

Eines Nachts beschloss die Primel, am nächsten Tag zu wachsen. Als es Morgen wurde, trank sie einen Riesenschluck Wasser und setzte alle Kraft in ihren Hals. Sie reckte und streckte sich, so viel sie konnte und als sie erschöpft ihre Blüten öffnete, blickte sie erstaunt zu den anderen Primeln herunter - die sie noch viel verblüffter anstarrten.

Es war zwar wacklig und windig hier oben,...

... aber sie hatte es geschafft: Sie war ein kleines Stück gewachsen! Begeistert rief sie zu den anderen Primeln: „Hey, kommt, wachst mit! Hier sind wir näher an der Sonne, es ist wärmer und gibt viel mehr zu sehen!“ Die anderen Primeln jedoch schüttelten ihre Blütenköpfe: Das Wachsen sei viel zu gefährlich und sie fühlten sich doch pudelwohl, wo sie jetzt waren.

 

Die kleine Primel war enttäuscht. Aber bald vergaß sie die anderen und machte einen erneuten Versuch zu wachsen. Sie kam immer höher und das Schaukeln im Wind fühlte sich an wie Fliegen! Und schließlich konnte sie in Nachbars Garten gucken. Was die kleine Primel da sah, überraschte sie: Da liefen so viele Tiere herum, die sie noch nie gesehen hatte, es gab Blumen in den verschiedensten Farben und Größen, Kinder spielten an einem Teich und eine alte Frau guckte nach ihnen. Das, was immer so platschte wie 1000 Regentropfen, waren watschelige Zweibeiner, die aus ihrem Flug im Wasser landeten.

 

Die kleine Primel war so aufgeregt durch die ganzen neuen Dinge, dass sie alles den anderen Primeln erzählen musste. Zum wiederholten Male forderte sie die anderen auf, auch zu wachsen, damit sie das zusammen erleben könnten. Aber die anderen Primeln wollten nicht wachsen. Dieses Mal hatten sie einen anderen Grund. Eine Primel rief: „Ich an deiner Stelle wäre sehr vorsichtig. Übermorgen ist Muttertag und ich wette, dass der kleine Philip von der anderen Straßenseite hier herkommen und dich pflücken wird. Gerade weil du so groß bist, wird er dich als Erste sehen!“

 

Die kleine Primel, die mittlerweile die große Primel geworden war, erschrak! Nach einer Weile antwortete sie aber: „Oh nein, ihr könnt mir keine Angst machen. Ihr seid bloß neidisch, weil ihr nicht den Mut habt, das Wachsen auszuprobieren. Manchmal muss man schon ein Risiko eingehen, wenn man etwas erreichen will!“ Die anderen antworteten: „Du dumme kleine Primel, warte und du wirst sehen!“

 

Da stand die Primel ganz allein und blickte traurig auf den Teich, auf die Enten, die Blumen und Kinder. Sie musste sich eingestehen, dass sie doch ganz schön Angst vor dem Muttertag hatte. Die anderen hatten recht: Sie würde als erste gesehen – sie war ja so auffällig...

Und Muttertag kam.

 

Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten in den Bäumen. Und der kleine Philip von gegenüber kam zu dem Primelfeld gerannt, um eine Blume für seine Mutter zu pflücken.

 

Sein Blick heftete sich sofort auf die kleine große Primel. „Oh, was für eine riesiglange und hübsche Blume!“, dachte er und wollte zugreifen. Doch bevor er sie berührte, hielt er inne und zögerte: „Nee, das kann ich nicht machen. Wenn ich die rausreiß’, kann Mami ja gar nicht mehr sehen, wie schön und wie lang diese Blume im Gegensatz zu den anderen ist. Und glauben würd’ sie mir das nie!“ 

 

Abrupt zog Philip die Hand zurück, drehte sich um und rannte los, um seine Mutter zu holen und ihr die kleine große Primel zu zeigen.

Und wenn sie nicht verwelkt sind, so wachsen die kleine große und alle anderen Primeln noch heute und kichern über die Enten, wenn diese ihre Wasserlandung vornehmen.

(Kristina Mohr)



Ich wünsche einen glücklichen Tag mit Mut, Hälserecken, Freude, Lachen und Musik!

Kristina


PS. Musikalischer Happen: Wäsche-gewaschen-Blues. Feiert Euch einfach mal für alles!


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Marga (Sonntag, 10 Mai 2020 10:51)

    Liebes Kind! Es ist sehr erstaunlich, dass ich Dich zur Welt gebracht habe. So eine schöne Geschichte und so ein verrücktes Lied... Ich freue mich!

  • #2

    Maren Jürgens (Sonntag, 10 Mai 2020 18:05)

    Liebe Kristina,
    Eine süße Geschichte von der Primel, gefällt mir sehr.
    Ich habe tatsächlich heute auch jede Menge Wäsche gewaschen, die warme Bieberbettwäsche musste runter und die hübsch karierte durfte rauf.
    Da finde ich doch dein Lied sehr passend.
    Herzliche Grüße
    von Maren
    P.S.: (war in deinem Clownsworkshop im letztes Jahr)